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Neues aus der SPDDie SPD als linke Volkspartei: Sozialdemokratischer Politik eine klare Richtung gebenBeschluss des Bundeskoordinierungstreffens der Juso-Hochschulgruppen vom 16.-18. November 2007 in Potsdam „Die Zukunft ist offen.“ Mit diesem Satz beginnt das neue „Hamburger Programm“ der SPD. Und er trifft nicht zuletzt auf die SPD selbst zu. Die Partei steht vor der Herausforderung einer strategischen wie auch inhaltlichen Neuorientierung, die mit der Verabschiedung des neuen Grundsatzprogramms in Hamburg keineswegs abgeschlossen ist. Linke Volkspartei mit rot-rot-grüner Perspektive Die strategische Herausforderung hat mehrere Ursachen. Zunächst hat sich die SPD nie systematisch mit der Regierungszeit unter Bundeskanzler Gerhard Schröder auseinandergesetzt. Von einem „rot-grünen Projekt“, das 1998 enthusiastisch beschworen wurde, ist schon lange keine Rede mehr. Gefragt nach den Erfolgen der Jahre 1998-2005, antworten viele SozialdemokratInnen, dass man doch wenigsten im gesellschaftspolitischen Bereich einen Mentalitätswandel durchgesetzt habe. Über ein linkes Bündnis, an das man anknüpfen möchte, wenn parlamentarische Mehrheiten dafür vorhanden sind, würde man anders reden. Für uns ist klar: Bündnis 90/Die Grünen sind der zur Zeit am nächsten liegende Partner der SPD im Parteiensystem. Politische Projekte im Sinne sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit sind keineswegs abgearbeitet. Gesellschaftspolitisch ist noch viel zu tun! Gleichzeitig fällt es in der großen Koalition schwer, sich deutlich von den Unionsparteien abzugrenzen. Trotz zahlreicher Auseinandersetzungen in einzelnen Bereichen (Innere Sicherheit, Mindestlohn, Pflegeversicherung), ist für die Öffentlichkeit nur schwer erkennbar, was die SPD tun würde, wenn sie alleine an der Regierung wäre. Erkennbar werden nur Kompromisse, die dann gemeinsam vertreten werden müssen. Ein klares, eigenes Profil in der großen Koalition fehlt. Für uns besteht kein Zweifel: die große Koalition muss eine Ausnahme bleiben. Und zwar nicht (nur) aus demokratietheoretischen Gründen, sondern weil die Unionsparteien Positionen vertreten, die einer sozialdemokratischen Politik entgegenstehen – von der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik über Familien- und Bildungspolitik bis hin zu außenpolitischen Themen. CDU/CSU sind unser politischer Gegner. Neue Konkurrenz von links ist der SPD – nicht zuletzt durch eigene politische Entscheidungen selbst verschuldet – durch das Zusammengehen von PDS und WASG entstanden. Die neue Partei unter der Führung der Männerriege um Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und Lothar Bisky erhebt den Anspruch, „Die Linke“ im deutschen Parteiensystem zu sein. Obwohl in einzelnen Politikbereichen die reale Umsetzbarkeit der Positionen der Linken zweifelhaft ist, so spricht sie doch große Teile der sozialdemokratischen StammwählerInnenschaft an. Im Umgang mit dieser neuen Herausforderung von links wirkt die SPD-Parteiführung eher überfordert und übertrieben aggressiv als dass sie den Eindruck vermitteln würde, mit der Souveränität einer Volkspartei auf die neue Konkurrenz zu reagieren. Richtig wäre aus unserer Sicht, mit der Linken in eine kontroverse Diskussion einzusteigen, was heute „links“ bedeutet und ob beispielsweise ein bedingungsloses Grundeinkommen links ist. Die Märtyrerrolle, in die führende SPD-Politiker die Linke drängen, nutzt offensichtlich nicht der Sozialdemokratie, sondern stärkt Lafontaine & Co. Wir wollen keinen unkritischen Umgang mit der Linkspartei. Aber wir können und wollen nicht akzeptieren, dass eine parlamentarische linke Mehrheit wegen persönlicher Animositäten der Führungskräfte auf Jahre hinweg ungenutzt bleiben soll. Es bedarf aber zweifelsohne eines Kraftaktes beiderseits, um beispielsweise in außen- und sozialpolitischen Fragen gemeinsame Anliegen herauszuarbeiten und insbesondere in prinzipiellen Fragen den sozialdemokratisch-sozialistischen Grundkonsens stets eingefordert zu wissen. Im Umgang mit der FDP schließlich schwankt man zwischen harscher Kritik an marktradikalen Positionen einerseits und einer Anbiederungsstrategie andererseits, die vor dem Hintergrund einer einzigen Koalition auf Landesebene der Illusion Nahrung geben möchte, die FDP könne im Handumdrehen wieder zu der sozialliberalen Partei werden, die sie vor vielen Jahren einmal war. Auf einer ehrlichen Analyse der heutigen, einstmals liberalen Partei beruht diese Einschätzung sicher nicht. Die FDP ist nach wie vor eine Partei, die von neoliberalen Positionen geprägt ist und die keinerlei Anzeichen erkennen lässt, diesen politischen Kurs zu verlassen. Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass die SPD gegenüber keiner konkurrierenden Partei eine klare Linie vertritt. Vielmehr werden beinahe krampfhaft alle Optionen offen gehalten, um keinesfalls nach der nächsten Bundestagswahl in die Opposition zu müssen. Wer aber selbst orientierungslos ist, der kann nicht überzeugen. Wer nicht deutlich macht, wo es nach einem potentiellen Wahlsieg hinginge, der wird keine Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen. Die Perspektive kann aus unserer Sicht nur heißen: wir arbeiten an einer linken Mehrheit aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Linkspartei. Dazu werden einerseits harte Diskussionen mit den beiden potentiellen Koalitionspartnern notwendig sein. Andererseits werden die bürgerlichen Parteien kein populistisches Mittel scheuen, um dies als Zusammengehen mit der ehemaligen SED und sektiererischen Altkommunisten zu brandmarken. Trotzdem lässt sich die Frage, mit welchen Parteien am meisten sozialdemokratische Politik umsetzbar ist, eindeutig beantworten: mit einer linken Mehrheit. Als linke Volkspartei steht die SPD in der Verantwortung, den Weg dahin souverän zu beschreiten. Soziale Gerechtigkeit als zentralen Grundwert ausbuchstabieren Die inhaltliche Herausforderung geht auf Versäumnisse der 90er Jahre zurück, in denen die Partei die Chance verpasst hat, sich in der Opposition kontrovers über ihre politische Ausrichtung auseinanderzusetzen. Die Debatten der sozialdemokratischen Schwesterparteien in Europa haben zwar – Stichwort „Dritter Weg“ – durchaus Eingang in Diskussionen beispielsweise der Grundwertekommission gefunden. Von einer breiten innerparteilichen Debatte war jedoch nichts zu spüren. Die Notwendigkeit einer Verständigung über den zukünftigen politischen Kurs der Partei ist jedoch überdeutlich. Nach der Regierungsübernahme 1998 wurden verstärkt Modernität und traditionelle sozialdemokratische Politik in ein Gegensatzpaar verwandelt und so die auf der Seite der lohnabhängigen kämpfenden Strömungen innerhalb der SPD als rückwärts gewandt diskreditiert. Anstatt jedoch aus diesem Fehler zu lernen und eine breite, innerparteiliche Debatte anzustoßen, folgten noch zwei weitere Versuche, der SPD von oben und „per ordre de mufti“ eine Entscheidung aufzuzwingen: das so genannte „Schröder-Blair-Papier“, das der damalige Kanzleramtsminister Bodo Hombach mit Peter Mandelson zusammen erarbeitet hatte, und schließlich die „Agenda 2010“ von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Ersteres landete nach heftigen, innerparteilichen Protesten umgehend in den Schubladen des Kanzleramts und wurde nie ausführlich in der Partei diskutiert. Die „Agenda 2010“ dagegen prägte nach der Regierungserklärung von Gerhard Schröder ganz maßgeblich das Regierungshandeln von Rot-Grün in den Jahren 2003 bis 2005. Eine differenzierte Diskussion aller Maßnahmen, die Teil der Agenda-Politik waren, ist nicht Ziel dieser Darstellung. Klar ist, dass es Elemente gab, die wir schlicht ablehnen und die in erheblichem Maße für eine massive gesellschaftliche Verunsicherung und eine Verfestigung und Verschärfung der sozialen Schieflage gesorgt haben – beispielsweise die Festlegung des ALG II-Satzes auf der Höhe der Sozialhilfe. Dem stehen jedoch Maßnahmen gegenüber, die wir unterstützen, wie z.B. die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe an sich oder das wenig zum Tragen kommende, theoretisch stärkere Gewicht für Bildung und Forschung. Viele Diskussionen über die „Agenda 2010“ sind von einer Schwarz-Weiß-Darstellung geprägt, die einer differenzierten Auseinandersetzung eher abträglich sind. Eben diese Auseinandersetzung ist aber notwendig, um zu einer klaren Positionierung zur eigenen Politik in den letzten Jahren zu gelangen. Die SPD hat bis heute die Frage nicht beantwortet, wie sie soziale Gerechtigkeit in den nächsten Jahren und Jahrzehnten realisieren möchte. Für den Umbau des Sozialstaats gibt es keine klare Vorstellung. Ebenso wenig wie für die Herbeiführung von Vollbeschäftigung und guter Arbeit für alle. Wenn die SPD es nicht schafft, ihren zentralen Grundwert soziale Gerechtigkeit präzise, verständlich und schlüssig auszubuchstabieren, dann wird sie aus der instabilen, ja prekären Position, in der sie sich immer noch befindet, nicht herausfinden. Der vorsorgende Sozialstaat darf keine Schlagseite haben Kann der „vorsorgende Sozialstaat“, der ein zentrales Element des neuen „Hamburger Programms“ darstellt, diese Lücke füllen? Es ist zu früh, um diese Frage zu beantworten. Der Begriff birgt einerseits die Chance, für die notwendige Neupositionierung in Bezug auf die Ausgestaltung von Sozialstaatlichkeit zu stehen. Andererseits aber darf die Gefahr nicht übersehen werden, dass Vorsorge und Absicherung von Lebensrisiken gegeneinander ausgespielt werden. Ein Sozialstaat, der nur vorsorgt und im Bereich der „Nachsorge“ auf Armenfürsorge und Hilfe nur für die Bedürftigsten reduziert wird, stünde jedoch in deutlichem Widerspruch zur bisherigen, sozialdemokratischen Position. Diese geht – in Abgrenzung zu liberalen und teilweise auch konservativen Positionen – davon aus, dass gerade die solidarische Absicherung für alle Bürgerinnen und Bürger erst dazu führt, dass ein Sozialstaat die integrative Wirkung entfalten kann, die eine Demokratie braucht, wenn sie nicht auf eine rein formale Demokratie reduziert werden soll. Im neuen Grundsatzprogramm ist deutlich formuliert, dass die SPD beide Elemente gleichberechtigt realisieren möchte. Ob die Gleichung aber aufgeht, dass zusätzliche finanzielle Mittel für Bildung, gesundheitliche Prävention, eine aktive Arbeitsmarktpolitik usw. automatisch dafür sorgen werden, dass weniger Mittel im „nachsorgenden“ Bereich benötigt werden, bleibt jedoch abzuwarten. Diese These geht von der falschen Annahme aus, dass es auf individuelles Verhalten zurückzuführen sei, wenn Menschen in Notlagen geraten. Es wird aber jede und jeder unverschuldet alt, nicht jede Krankheit ist durch eigenes Verhalten verursacht und nicht zuletzt Arbeitslosigkeit hat keineswegs ihre zentralen Ursachen in individuellem Versagen. Vielmehr war es immer die Sozialdemokratie, die betont hat, dass es für diese Notlagen oftmals gesellschaftliche Ursachen gibt, die deshalb auch solidarisch abgesichert werden müssen. Es wird sehr genau darauf zu achten sein, dass nicht in sozialdemokratischem Regierungshandeln eine Definition von „vorsorgendem Sozialstaat“ die Überhand gewinnt, die einseitig auf den – an sich richtigen! – Ausbau von Bildung und Forschung, gesundheitlicher Prävention und ähnliche Maßnahmen setzt und gleichzeitig den Abbau sozialstaatlicher Leistungen vorantreibt. Damit soll keineswegs gesagt sein, dass wir ohne weiteres bei den heutigen Systemen der Sozialversicherung bleiben können. Im Gegenteil: die stärkere Steuerfinanzierung sozialer Sicherung erscheint uns beispielsweise ein sinnvoller Ansatz zu sein, um die enge Koppelung an die Erwerbsarbeit zu lockern. Aber bis heute wird ein solches Modell nicht mit formuliert, wenn es um den „vorsorgenden Sozialstaat“ geht. Der vorsorgende Sozialstaat stellt für uns kein Ziel, sondern ein Mittel auf dem Weg zum demokratischen Sozialismus dar. Es muss Aufgabe sozialdemokratischer Politik sein, Wege und Ziele offensiv zu vertreten. Ein durchlässiges Bildungssystem für mehr Chancengleichheit und gegen soziale Selektion Als Studierendenverband der Partei kämpfen wir für eine starke SPD im Bund und in den Ländern. Unser Beitrag dazu erschöpft sich nicht in einer aktiven und engagierten Arbeit an den Hochschulen. Obwohl hier unser Schwerpunkt liegt und wir uns an eine wichtige Zielgruppe richten, wollen wir darüber hinaus in die Partei hineinwirken und vor allem im Bereich der Bildungs- und Hochschulpolitik Akzente setzen. Unsere Einschätzung über die hohe Bedeutung von Bildung für die Verteilung von Lebenschancen hat sich in Gesellschaft und Partei zumindest in der Theorie weitgehend durchgesetzt. Weitgehend unbestritten ist auch – nicht zuletzt aufgrund zahlreicher empirischer Studien, die ein Leugnen dieser Erkenntnis beinahe unmöglich machen – die soziale Selektivität unseres Bildungssystems. In Deutschland hängen Bildungschancen noch immer maßgeblich von der sozialen Herkunft ab. Über 80 von 100 jungen Menschen aus AkademikerInnenfamilien nehmen ein Studium auf. Dem stehen nur leicht über 20 von 100 aus Familien gegenüber, die keinen akademischen Hintergrund haben. Dieser bildungspolitische Skandal wird mit einer Gleichmütigkeit hingenommen, die eine sozialdemokratische Partei nicht akzeptieren darf. Die SPD muss sich entschieden als Partei der Chancengleichheit aufstellen. Dazu bedarf es mehr als schöner Sonntagsreden oder einer scheinbaren Aufwertung von Bildungspolitik im neuen Grundsatzprogramm. Den Worten müssen Taten folgen! Die SPD muss bereit sein, einerseits mehr Geld in die Hand zu nehmen und beispielsweise entschieden für eine Neudefinition des Investitionsbegriffs im Grundgesetz einzutreten. Andererseits müssen aber auch im Regierungshandeln insbesondere auf der Landesebene sozialdemokratische Projekte erkennbar werden, die die Zielrichtung verfolgen, Chancengleichheit herzustellen und die deutlich machen, was ein „vorsorgender Sozialstaat“ in der Praxis bedeuten kann. Elemente einer solchen Politik wollen wir zur Diskussion stellen, ohne damit einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben:
All dies sind Bausteine einer Bildungspolitik, die im Bund und den Ländern für mehr sozialdemokratisches Profil sorgen und das Schlagwort vom „vorsorgenden Sozialstaat“ mit Leben füllen könnte. Wir werden als Studierendenverband entschieden dafür eintreten, dass eine solche Bildungspolitik mit den Leitbildern Chancengleichheit und Durchlässigkeit innerhalb der SPD mehrheitsfähig wird. Als Hochschulgruppen der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten verpflichten wir uns weiterhin konsequent unseren sozialistischen und feministischen Idealen, ungeachtet jeglicher Lesart eines neuen Grundsatzprogramms der SPD, von welcher wir nicht mehr und nicht weniger als echte und ehrliche sozialdemokratische Politik erwarten. Der Umstand, dass ein klares Votum für freie Bildung und gegen jegliche Form von Studiengebühren keinen Einzug in das neue Grundsatzprogramm gefunden hat, empört uns.
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